Prolog
Mein Leben ist vermutlich wie viele andere auch. Letzte Woche Samstag saß ich auf einer Informationsveranstaltung für einen Job und es startete die Vorstellungsrunde. Neben Alter, Wohnort, Beruf und Familienstand sollte jeder etwas nennen was ihn von jeden anderen im Raum unterscheidet. Diese Frage trieb mir just die Schweißperlen auf die Stirn. Obwohl ich mich für einen gebildeten Mensch mit vielen Interessen halte und auch mein Leben alles andere als das geradlinige archäotypische Bild („Mein Job, mein Haus, meine Familie, meine Kinder, mein Boot, mein Hund blablabla“) darstellt liefen meine Gedanken Amok. Die Antwort sollte natürlich nicht banal sein und wenn sie war sollte sie dennoch aufgrund von Eloquenz und Wortwitz für Überraschung sorgen, oder eben schlicht eine sein. Nein es gab sie nicht. Bin ich doch nur Einheitsbrei? Bin ich vielleicht sogar zu Recht allein? Ich war zwar schon immer der Meinung nicht alle Menschen könnten zu höheren Dingen berufen sein, weder spirituell, noch monetär oder familiär. Aber ich? ICH? Was war denn mit mir?! So emotional ich sein kann, umso pragmatisch kann ich auch sein. Sei es drum, vielleicht war es so einfach.
Es macht schon Sinn die Einzigartigkeit eines jeden einzelnen auf eine Waagschale zu legen. Die Frage, die zu stellen ist, welche explizite Definition von Einzigartigkeit das Gegengewicht darstellt. Mit wem genau muss ich mich vergleichen. Mit dem Astronauten, mit dem Lyriker, dem Buisiness-Experten, mit dem Nerd, dem Naturliebhaber, dem Yoga-Meister, dem Akademiker, dem Dachdecker, der Hausfrau? Und muss ich das? Also ist die Frage auf meine Einzigartigkeit vielleicht ganz einfach: Ich.
Woran liegt es nun, dass ich 36 bin und immer noch allein. Manchmal erinnere ich mich sehr an Julia Roberts in „Die Braut, die sich nicht traut“. Ich war stets mit Männern zusammen die mir nur in wenigen Punkten glichen, ansonsten hätten sie verschiedener nicht sein können. Vom Death-Metal-Lederhosenbiker mit wallender blonder Mähne, über den unsicheren hageren NoName-Klamotten tragenden Krankenpfleger bis zum Hip-Hop hörenden Cannabis rauchenden Trinker, oder einem beruflich und politisch höchst erfolgreichem Rennradsuchti; alles war dabei. Mit dem einen konnte ich auf dem Motorrad Abenteuer erleben, mit dem andern an der Konsole zocken mit dem nächsten Wandern gehen, mit dem danach konnte ich in Museen gehen und Bücher und Politik sprechen. Ich liebte jeden von Ihnen wirklich und tief empfunden, bis zu einem Punkt. Immer kam er irgendwann, der Punkt an dem mir klar wurde, dass keine Verliebtheit mehr, kein knall voller Alltag mich mit einem dieser Männer über Jahre glücklich ins hohe Alter tragen würde. So sehr ich sie auch liebte, immer fehlte mir das Gefühl ganz und gar ich sein zu können. Immer und bei jedem musste ich einen Teil von mir klein halten, off schalten, verstecken. Und jeder von ihnen liebte mich (soweit ich weiß) und (soweit ich weiß) betrog mich auch nie einer von ihnen. Ich war schließlich auch immer so wie sie es sich wünschten. Ganz nett anzusehen, taff, lustig, die gute Hausfrau, klug, vorzeigbar, Vorzeige-Schwiegertochter und bei all ihren Interessen immer begeistert an ihrer Seite. Nein, es waren wirklich glückliche Beziehungen, bis ich zweifelte. Und oftmals brauchte ich es gar nicht zu thematisieren. Ich lies es sie spüren, dass ich nicht mehr glücklich war, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Dann waren sie alle schneller weg als ich „Indiana Jones“ sagen konnte.
Es folgten einige Jahre, in denen ich auch allein glücklich war. Und ja das war ich, ich hatte alle Bälle in der Luft. Aber irgendwie kam nichts tiefgründigeres mehr zu Stande. Freunde waren keine wirklichen Freunde. Man ging weg und dann war man immer dicke, doch brauchte ich etwas stand ich stets allein da. Eine Zeit lang reagierte ich darauf ziemlich gefrustet und knallte jedem meine Meinung auch rigoros vor den Kopf. Natürlich mit dem Ergebnis der dauerhaften Funkstille. Heute bereue ich das. Ich hätte die Erkenntnis mit nehmen können und man hätte eben Bekannte bleiben können, aber ich war irgendwann an einem Punkt enttäuscht, traurig und ja wenn ich ehrlich bin verbittert. Dabei verstand ich nie woran es lag. Ich wollte das auch, ich wollte Freunde, Liebe, einen Mann. Ich begann zu trinken. Warum auch nicht? Das machen doch alle, die etwas gefrustet sind, abends ein Glas, eine Flasche Wein, eine Schnulze im Fernsehen, Jane Austen lesen, Eric Carmen hören.
Ich trank allein, ich schaltete meinen Kopf damit aus bewusst. Mir war klar ich könne damit ein Problem bekommen, das nahm ich bewusst in Kauf. Ich wurde schwer depressiv. Der Alkohol wurde meine Zuflucht, mein Freund nach dem ich mich sehnte, mein Medikament und schließlich zu meinem Gift. Mit ihm konnte ich alles ertragen, aber auch mich alles hinein steigern wenn ich es wollte, um schlussletztlich doch die Lichter auszuknipsen. Er vergiftete meine Seele, meinen Körper, meine Gedanken. Als ich erkannte, dass ich diesem Teufel schon zu viel von mir geschenkt hatte, war es zu spät. Dies ist ein sehr dunkles Kapitel in meinem Leben nach dem ich mich nicht zurück sehne. Und noch eine ganze Weile ergab ich mich diesem Strudel. Ich wusste nicht wofür ich aufhören sollte. Alles was ich tat im Leben war arbeiten. Ich war allein, ich hatte niemanden mehr. Ich arbeitete für meine Miete, mein Essen, wenn ich mich tot getrunken hätte bräuchte ich das ja eh nicht mehr. Also nahm ich nach dem Heim kommen oft schon den ersten Schluck Wein noch bevor ich die Jacke auszog. Niemand würde mich vermissen.
Ich sah mich eines Tages auf Messers schneide stehen, ich sah den Teufel die Hand zum letzten Tanz erhoben. Ich lehnte ab. Der Grund weshalb ich ablehnte war damals auch banal und schrecklich: Ich konnte meine Angelegenheiten nicht so hinterlassen. Ich möchte heute nicht wissen was gewesen wäre, hätte ich damals meine Finanzen, meine Hinterlassenschaften und meine Wohnung so sauber geregelt gehabt, wie ich es heute wieder habe. Ich fürchte ich hätte aufgegeben, ich wäre nun schlicht tot. Ich sagte dem Alkohol lebe wohl. Ich wusste, ich spürte in jeder Zelle entweder ich springe jetzt in den Abgrund oder ich bleibe stehen. Und zunächst war es auch nur das. Ein Stehenbleiben. Bis ich mich umdrehte und dem Abgrund dem Rücken zu kehrte und mich gradlinig davon entfernte dauerte es lange. Es war ein harter Abschied seelisch wie tatsächlich auch körperlich. Auch dem kalten Entzug mit wirklich allem vor dem Ärzte warnen stellte ich mich allein. Ich möchte das niemandem ans Herz legen, im Gegenteil. Ich entschied mich nur für „Do it, or die tryin‘“, weil ich mich entschied mit dem Trinken auf zu hören bevor mein Leben mir wirklich wieder etwas wert war. Beide überlebten knapp. Mein Geist und mein Körper. Ich räumte auf. Meine Wohnung, mein Leben, meine Seele. Eigentlich mit dem Hintergedanken, dann immer noch alles beenden zu können, aber in Würde. Doch mit jeder kleinen Aufgabe, die ich schaffte brachte ich Distanz zwischen mich und den Abgrund und sie wächst heute noch jeden Tag. Niemand kennt diese Tage in meinem Leben, nichts davon hat jemals meine Wohnungstür verlassen.
Ich brauchte viele Monate, die ich mich völlig zurück zog, viel weinte, viel schrie um meinen Frieden mit der Welt zu machen. Meinen Frieden damit zu machen wie ich war, meinen Frieden damit zu machen, was ich getan hatte, damit dass mich vielleicht nicht jeder mag. Und das es ebenso okay ist wenn ich nicht jeden mag, aber trotzdem zu jedem sein kann als liebte ich sie/ihn. Ich bin Verkäuferin, eigentlich mein täglich Brot.
That’s it. Irgendwann nachdem ich das Gefühl hatte wieder fest im Leben angekommen zu sein, mich und meine Umgebung so nehmen zu können wie es kommt, meinen Alltag zu meistern, irgendwann kam er dann doch der Moment an dem ich das allein umher streifen nicht mehr akzeptieren wollte. Nicht mit Frust, nicht mit Nachdruck, sondern mit dem Selbstverständnis es mir zu gönnen, es schlicht verdient zu haben. Gut ich bin nicht der einfachste Mensch auf der Welt, ich trage auch ein ganz schönes Paket im Gepäck, aber jedes Töpfchen soll doch angeblich sein Deckelchen haben. Wo war bitteschön meines?